“The 24 hour king of street amusement” | Prost in der West Berlin Gallery

Dass ein ehemaliger Social-Media-Experte das Künstlertum zu seiner neuen Profession erhebt, das wurde hier schon thematisiert. Dass ein Werbeillustrator sein Handwerk hinwirft, um nur noch freischaffender Künstler zu sein, das Beispiel ist an dieser Stelle neu. Die Rede ist von Prost, dem 24 hour king of street amusementSo manch einem Berliner werden seine Prostie Smileys bereits von den Straßen und Hauswänden unserer Stadt bekannt sein. Mit der Ausstellung “The street never ends, the art never dies” in der West Berlin Gallery haben sie nun auch das erste Mal in einer Einzelschau Einzug in den Galerieraum gehalten. Die Prostie Smileys lachen sich zwar auch noch nach Beendigung ihres körperlosen Daseins durch den Ausstellungsraum, doch wer die West Berlin Gallery betritt, sieht schnell: Prost hat künstlerisch noch mehr zu bieten als seine stilisierten, kugelrunden Gesichter, die aus Versuchen an Selbstporträts entstanden sein sollen.

Ein Wechselspiel aus Öffentlichtkeit und Intimität, Werbung und Malerei, Entblößung und Verschleierung ist es, das sich in dem Werk Prosts verbirgt und mal offensichtlich Stellung bezieht, mal seine Späße mit der Welt treibt, an anderer Stelle zuerst irritiert und unter dem Deckmantel des Humors ankreidet, um anderorts wieder weit subtiler durch einen Werktitel auf ungeliebte Kontexte zu verweisen.

Scheinbar vertraute Werbebilder, -sprüche und Logos stapeln sich in ihren nur leicht, aber entscheidend abgeänderten Formen in ihren Rahmen übereinander: Aus LIDL wird so ILL, aus Media Markt Media War. Eine Filmprojektion ergänzt die gezeigten “Neuinterpretationen” noch, während die Prosties – wenn sie einander nicht gerade auslachen – Lebensweisheiten und Einstellungen kundtun. So lernen wir: “Making fun of crime is not a crime” und “real women don’t date nazis”. Kein Bereich, keine Gruppe und kein Ziel scheint Prost zu heikel oder zu schade und so wird auch kein Halt vor der virtuellen Scheinwelt gemacht, indem ein doppeldeutiges Spiel mit einen floral ornamentierten Buch getrieben wird: “Don’t judge the book by its facebook”. Mit einem “Like”-Button können wir hier auch gleich zustimmen.

Es sind Kommentare zu Konsum, zu unserer Gesellschaft, zu Berlin mitsamt aller Veränderungen, mit dem Hauptstadt-Tourismus, die Prost hier kritisert, indem er ironisiert. Während er in diesen Arbeiten die Ankündigung des Ausstellungstitels wahr macht und die nicht enden wollende Straße mit seiner Überführung der Prosties in den Ausstellungsraum bis in diesen hinein verlängert, Symbole und Bilder der Alltagskonsum-Werbe-Welt parodiert sowie die scheinbare Leichtigkeit mit ihrer nicht zu ignorierenden Ablehnung durchzieht – vermutlich entstanden aus seiner Vergangenheit als Werbeillustrator -,  überraschen andere Arbeiten umso mehr. Ihnen mag man kaum glauben, dass sie aus der Hand desselben Künstlers stammen, ordnen sie sich formal doch zunächst typischer Innenraumkunst zu: Ein künstlerisch zwar nicht allzu anspruchsvolles Gemälde, doch mit religiösem Jesus-und-seine-Jünger-im-Kornfeld-Motiv und in kitschiger goldener Rahmung, hängt hier. Stadtlandschaften wurden außerdem auf Rechtecke gebannt. Auf Leinwand ist eine galaxieartige Farbexplosion entstanden, die auch vor der unterliegenden Wand nicht Halt macht und damit einmal mehr auf die urbanen Graffitiwände referiert.

Ähnlich den Werbetafeln, verfremdet erstere Arbeit lediglich ein vorgegebenes Bild – Jesus und seine Jünger sind nun, vermummt und mit Spraydosen sowie Mundschutz ausgestattet, auf der Suche nach der nächsten Wand, die sie bemalen können. Die Skyline-Serie “Lost Places” erweckt erst mit ihrem Titel misstrauisches Interesse, denn diese Orte sind keine Lieblingsorte oder Urlaubsansichten des Künstlers, sondern nur zum auserwählten Motiv geworden, weil Prost glücklich war, an ebenjenen Orten nicht gewesen zu sein, als sich dort Katastrophen ereigneten.

Gewohnheiten und Realitätserfahrungen werden in der Ausstellung ”The street never ends, the art never dies” konsequent gestört und doch geschieht dies auf solch unbefangene Art und Weise, dass der Besucher die Galerie noch mit einem Schmunzeln im Gesicht verlassen kann. Ein sehenswertes Videointerview hat außerdem Freshmilk.tv mit Guillaume Trotin geführt.

Prost: The street never ends, the art never dies, 04.08. – 17.09.2011, West Berlin Gallery, Brunnenstr. 56, 13355 Berlin.

8 Antworten zu “The 24 hour king of street amusement” | Prost in der West Berlin Gallery

  1. erste Ausstellung stimmt so in keinem Fall (s. Stadtbadwedding)

    ddg

    • Vielen Dank für den Hinweis! Aus erster Einzelschau hatte ich fälschlicherweise die erste Ausstellung überhaupt gemacht. Ist schon korrigiert!

  2. Pingback: „The 24 hour king of street amusement“ | Prost in der West Berlin Gallery « Berlin based Streetart / Urban-Art Blog Since 1984

  3. jeder der etwas von “streetart”, kunstgeschichte und ausstellungsaufbau versteht weiß, dass diese ausstellung alles andere als gut ist.

    • Das Gute am Geschmack: Jeder hat seinen eigenen – trotz derselben Fachkenntnisse o.ä.

      Und wenn es dir wirklich um eine Diskussion oder konstruktive Kritik geht und nicht nur ums Meckern, dann würde mich sehr interessieren, was genau dir nicht gefällt bzw. warum, denn deiner Auffassung nach verstehst du ja was von “Streetart”, Kunstgeschichte und Ausstellungsaufbau.

  4. mach daraus doch nen facebook post prost

  5. @booster : u are just jealous, because you do art for a long time but never success and always failed.

  6. Pingback: Ausstellung „The street never ends, the art never dies“ in der West Berlin Gallery | strichmännchenszenarien

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